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Verschwundene Namen

  • leonierathgeb
  • 18. Jan. 2024
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Jan. 2024


Vier weiße Wände um mich herum. Diese werden jetzt für ein Jahr mein Zimmer sein. Ich erkunde den Ausblick meines Fensters (verwucherter Hof, Satellitenschüsseln auf Wellblechdächern) und stelle meinen Koffer ab. Es wird etwas auf Castellano gerufen, ich höre „Leonie“ heraus. Öffne die Tür und blicke auf einen Tisch, gedeckt mit Kartoffeln, Früchten aller Farbe, Suppe und Brot. Gemeinsam mit Verena und Raquel (zwei Freiwilligen) und Gaby, der peruanischen Mama aller Freiwilligen und Chefin meiner NGO, genießen wir das Essen und tauschen uns aus so gut es geht. Ich fühle mich wirklich willkommen und aufgenommen im warmen Peru. Dass ich jetzt ein Jahr hier wohnen werde ist jedoch schwer in meinen Kopf zu bringen.


Die nächsten Wochen wird uns von dem liebenswürdigen Team die verschiedenen Arbeitsbereiche erklärt und Orte des Umkreises Piruas gezeigt. Ich, so wird mir mitgeteilt, werde vor allem mit den Kindern und Jugendlichen in der Ludotheka arbeiten.

Die Stadt macht auf mich einen lebendigen, heißen, staubigen, lauten, unüberschaubaren Eindruck. Außerdem, und das ist schon den vergitterten Fenstern und Türen anzusehen, ist Piura nicht ungefährlich. Die Sonne im Zenit strahlt gleißend hell auf kleine Stände am Straßenrand und reflektiert von hohen Kirchtürmen herab.


In den ersten Wochen hat sich alles sehr surreal angefühlt. Auch, dass ich aufgrund der Sprachbarriere oft Dinge, ohne sie ganz verstanden zu haben, so stehen lassen musste, hat für mich das Gefühl der Normalität noch weiter weggerückt. Außerdem konnte ich mich und meine Gedanken nur schwer ausdrücken. Kaum zu Gesprächen beitragen. Das hat mir das Gefühl gegeben, eher Zuschauerin und kein wirklicher Teil von etwas zu sein. Weder die Dinge um mich herum noch ich selbst hatten einen Namen. Aber vielleicht ist gerade das ja wichtiger Teil des Anfangens in einem für mich neuen Ort der Welt: zuhören, wahrnehmen und auf sich wirken lassen.


Jetzt, vier Monate später, kann ich bemerken, dass diese Offenheit zwar geblieben ist, ich mich aber gleichzeitig viel mehr einbringen kann. Ich habe Menschen in Austausch kennenlernen können, verstehe Aufgaben und Verantwortung, konnte spanische Bücher lesen. Mit jedem Tag kann ich mehr Dinge benennen und kennenlernen.

Zudem haben mir viele herausfordernde Tage Resilienz und Reflexionsanstöße gegeben. Auch dies hilft mir beim Ankommen in Piura. Schon zweimal war ich im Krankenhaus, mit ner Art Lebensmittelvergiftung und gebrochenem Fuß. Habe von schwierigen Situationen meiner Freunde im tausende Kilometer entfernten Europa mitbekommen. Aber ich werde hier nicht mit meinen Herausforderungen alleine gelassen. Außerdem habe ich jedes Kind der Ludotheka, die Orte und Lebensweisen von hier lieb gewonnen, was mir Durchhaltevermögen und Motivation gibt.


Auch die Arbeit entspricht mir sehr. Ich darf vier mal die Woche in der Ludotheka mitarbeiten. Dort bin ich entweder im Bereich draußen und mache mit den Kindern Sport, oder in dem Ludotheka-Raum und spreche gemeinsam über Werte, bastle Kostüme, höre zu, singe und tanze zusammen mit den Kindern. Was CANAT mit dieser Art von Arbeit anstößt, in Bewegung setzt und zur Entwicklung bringt, ist bewundernswert. Ehemalige Mechanik-Azubis CANATs haben jetzt ihre eigene Werkstatt auf dem Land, Familienkonflikte werden entheddert und geheilt, es bilden sich Freund:innengruppen in der Ludotheka. Einige einstige teilnehmende Kinder des CANAT-Programms sind heute Mitarbeiter:innen des Arbeitsteams. Mehr zur Struktur der NGO könnt ihr unter "CANAT in Peru" nachlesen.


Immer wieder durfte ich in den letzten vier Monaten Blicke in Orte außerhalb Piuras werfen. Wir waren am Ozean bei dem Fischerdorf La Tortuga, in Dörfern der Sierra, sind durch trockenes Gestrüpp der Wüste gefahren. Haben Wasserfälle gefunden und Walen zugehört. Durch diese kleinen Puzzlestücke Perus konnte mir schon eine Anhnung des Nordens dieses Landes entstehen. Auch Gespräche mit Menschen, die in einer ähnlichen Phase des Kennenlernens sind wie ich (beispielsweise Freiwillige, oder deutsche Reisende), helfen mir, mich und meine Gedanken hier einordnen zu können. Allgemein ist der ständige Wechsel von Freiwilligen, die mit mir in der Wohnung leben, sehr interessat, herausfordernd, und schön. Und auch habe ich schon viele bereichernde Konversationen mit beispielsweise Nebensitzerinnen im Bus, Marktverkäufer:innen, Uromas vom Land, einem kleinen Mädchen, das mir beim Zeichnen zugesehen hat, Taxifahrer und vielen mehr haben dürfen. Lerne Namen von Menschen und Dingen kennen, die ich zuvor nie gehört habe, die ich an die Stelle der nicht übersetzbaren setzen kann. Entdecke Kulturen von Familien, von Freundesgruppen, Marktgemeinschaft, von Arbeitsteams und jede einzelne ist unterschiedlich und komplex. Ein Land besitzt keine typische, simpel erklärbare oder ganzheitliche Kultur.


Oft nehme ich von meinen Erlebnissen ein Gegenstand mit oder zeichne aus der Erinnerung. Und so werden die einmal leeren Wände meines Zimmers Stück für Stück bunter.




 
 

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